06 Dez 2012

Tiefenökologie

© sandra zuerlein - Fotolia.com

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Was ist Tiefenökologie?

Der landläufige („flache“) Umweltschutz beschränkt sich darauf, Missstände zu beseitigen und die Symptome ökologischer Verschlechterung deshalb zu beheben, damit Menschen funktionierende Verhältnisse vorfinden. Im Gegensatz dazu sieht die Tiefenökologie die Wurzeln für den Mangel an Nachhaltigkeit in unserer Gesellschaft in einer anthropozentrischen Weltanschauung, die entsprechend der Ansicht „Krone der Schöpfung“ zu sein, den Menschen als über die Natur stehend betrachtet. Viele Organisationen – darunter auch Umweltschutzorganisationen – agieren demzufolge derart, als ob der Planet „uns“ gehören würde und wir damit machen könnten, was wir wollen. Moderne Technik und Managementmethoden bestärken uns in unserem Gefühl, der Natur überlegen zu sein.

Die Tiefenökologie versteht sich hingegen als eine Haltung für politische Aktion Wissenschaft, Bildungskonzept und Lebensform, die auf der wechselseitigen Bedingtheit und Verbundenheit allen Lebens auf der Erde beruht.

In der Tiefenökologie wird die Erde entsprechend der Überlieferung von Stammeskulturen als ein lebendiger Organismus betrachtet, ein Bild, das in der Gaia Theorie der Naturwissenschafter_innen James Lovelock und Lynn Margulies seinen wissenschaftlichen Abdruck findet. Entgegen dem Reduktionismus in der kartesischen Weltsicht, nach der die Erde eine für uns nutzbare Maschine sein soll, wird der Planet in holistischer (ganzheitlicher) Betrachtung ein lebender Organismus (living being), „der seine eigene Entwicklung im Universum Augenblick für Augenblick selbst gestaltet“ (Stephen Harding).

Vor allem das menschliche Tun veranlasst den Organismus der Erde laufend auszugleichen, um im Gleichgewicht zu bleiben. Würde beispielsweise der Anteil von Sauerstoff in der Atmosphäre unter 20 Prozent sinken, würden wir und viele Arten ersticken. Würde der Anteil um einige Prozentpunkte steigen, würde ein Funken genügen, um den gesamten Erdball in ein flammendes Inferno zu verwandeln. Diese Ausgleichsfähigkeit war eine der wesentlichen Begründungen für die Gaia-Theorie.

Grundlegend in der Tiefenökologie ist: Das Leben auf der Erde ist miteinander verbunden und voneinander abhängig, jedem Lebewesen kommt sein nicht in Geld verwandelbarer Eigenwert zu (Stephen Harding). Aus egalitärer Sicht wird allem Leben auf diesem Planeten Beachtung geschenkt, es gelten „Menschenrechte“ für alle Lebewesen, die natürlichen Lebensrechte werden auf die gesamte Natur ausgedehnt (Theodor Roszak). Als geistiger Vater gilt der norwegische Philosoph Arne Naess, der davon ausging, dass die Art, wie sehr wir mit der Natur verbunden sind, bedeutet, dass wir Natur nicht zerstören können, ohne uns selbst dabei zu zerstören.

Gemeinsam mit gesetzlichen Regelungen und verbesserten Nachhaltigkeitsstrategien werden von TiefenökologInnen ein mäßiger Umgang mit den Ressourcen wie auch ein
verändertes Bewusstsein und Verhalten gegenüber der Welt gefordert und durch entsprechende Bildungsmethoden umgesetzt (siehe dazu weiter unten). Dies verlangt vor allem eine neue Definition von Wohlstand und geistig-seelischer Gesundheit. Entscheidend in diesem Zusammenhang ist die Veränderung der ökonomischen Ausrichtung der industriellen Wachstumsgesellschaft, die der Menschheit wie der Natur das Gebot auferlegt hat, alles Leben der Ökonomie unterzuordnen. Es soll darüber Bewusstsein geschaffen werden, dass wir durch das Bestreben, aus Ressourcen handelbare Waren zu erzeugen, unsere Lebensgrundlagen veräußern und zerstören.

Eine wesentliche Grundlage der Tiefenökologie bildet die holistische Wissenschaft, zu der die Systemtheorie zählt. Letztere bringt zum Ausdruck, dass es sich beim Ganzen – seien es Zellen, Körper, Ökosysteme oder die Erde selbst – um dynamisch organisierte und aufs Feinste abgestimmte und ausgewogene Systeme handelt, die wechselseitig abhängig sind in Bezug auf jede Bewegung, jede Funktion, jeden Austausch von Energie und Information (Joanna Macy/ Molly Young Brown).

Im Rahmen der tiefenökologischen Seminare wird die Methode „Arbeit, die wieder verbindet“ angewandt, die von der Systemtheoretikerin Joanna Macy (University of California in Berkeley), Molly Young Brown und anderen auf der Grundlage von Bräuchen und Überlieferungen der Stammeskulturen des amerikanischen Kontinents, buddhistischer Traditionen wie auch psychotherapeutischer Praktiken entwickelt und zusammen getragen wurde.

Wie Einstein sagte: Wir können unsere ökologischen und sozialen Probleme nicht durch dieselben Denkmuster lösen, durch die sie entstanden sind. Dies gilt im Besonderen für alle Belange der Nachhaltigkeit. Daher bedarf es eines Bewusstwerdungsprozesses, durch den wir Menschen die Zerstörung von Leben auf diesem Planeten nicht nur rational begreifen, sondern wieder fühlen lernen. Wenn wir diesen Gefühlen auf den Grund gehen, werden wir frei neue Perspektiven zu entwickeln und durch konkrete Handlungsschritte zur Lebenserhaltung in der Welt beizutragen. Dies ist die Zielsetzung tiefenökologischer Betrachtungsweise.

 

Tiefenökologische Bildungsarbeit

Pädagogische Beiträge für einen gesellschaftlichen Wandel

Die Tiefenökologie, engl. Deep Ecology, bietet ein ganzheitliches Konzept der Bildung für Nachhaltigkeit. Gesellschaftlich engagierte Menschen sollen darin unterstützt werden, Ausdauer, Mut und Kraft für ihr Tätig sein zu behalten und sogar zu vertiefen. In der tiefenökologischen Bildungsarbeit werden drei Aspekte formuliert, die Menschen dabei unterstützen zu einem gesellschaftlichen Wandel in Richtung Nachhaltigkeit beizutragen (nach Stephen Harding).

  • Deep Questioning – tiefgehendes Hinterfragen: wir stellen grundsätzliche Fragen nach dem Wesen der Finanzmärkte, nach unseren Bedürfnissen, nach der Tragfähigkeit natürlicher Systeme, nach der Zukunftsfreundlichkeit von Technologien,…
  • Deep Experience – tiefgehendes Erleben: tiefenökologische Bildungsarbeit zielt darauf ab, Räume zu schaffen innerhalb derer Menschen Erfahrungen machen, die tiefer gehen als die zumeist intellektuelle Auseinandersetzung mit Fragen der Nachhaltigkeit. Insbesondere die emotionale Dimension des Menschen bietet uns ein großes Potenzial tiefgehender Erfahrung.
  • Deep Commitment – tiefgehendes Engagement: haben Menschen ihre Lage erkannt und ihre emotionale Reaktion auf den Zustand der Welt erforscht, erwächst zumeist der Wunsch nach engagiertem Handeln – nicht aufgrund moralischer Ermahnung, sondern aus einem „inneren Wissen um Verbundenheit“.

Um diese Erfahrungsdimension zu vermitteln, wurden und werden vielfältige Methoden der Natur- und Selbsterfahrung, des sozialen und globalen Lernens sowie der spirituellen Praxis gesammelt. Diese stammen aus den verschiedenen für eine ganzheitliche Bildung relevanten Bereichen. Integriert werden u.a. Erkenntnisse aus Systemtheorie, Gehirnforschung, Psychologie, Solidarökonomie, Ökofeminismus und Ökologie, sowie der Weisheitsschatz vieler Traditionen, wie der abendländischen Philosophie, der christlichen Schöpfungstheologie, des Buddhismus oder des Schamanismus.

Tiefenökologische Workshops bieten einen Raum für die Erfahrung, nicht getrennt von der Welt zu sein sondern eins mit ihr und innig verbunden. Die tiefenökologischen Erfahrungen mit Bewusstseins-Schulung führten zur Entwicklung des Konzepts der „Arbeit die wieder verbindet“ (nach Joanna Macy). Der Prozess der Vertiefung der Verbundenheit durchläuft demnach vier Phasen:

  • Ressourcenarbeit: was trägt und erfüllt?
  • Verzweiflungsarbeit: Raum für die Verarbeitung belastender Gefühle wie Zukunftsängste oder Ohnmacht
  • Tiefgehendes Erleben der Verbundenheit und vertiefte Wahrnehmung des eigenen Selbst.
  • Integration in den eigenen Alltag

Das Besondere am tiefenökologischen Bildungsansatz besteht in der sorgfältigen und konsequenten Einbeziehung von Gefühlen sowie des spirituellen Erlebens; nicht im
konfessionellen Sinn, sondern an der unmittelbaren und authentischen Erfahrung der Tiefendimension des Seins orientiert.

Zielgruppen

Die Tiefenökologie bietet wertvolle Unterstützung für z.B. für Eltern und Elternbildungseinrichtungen, Umwelt- und CSR-Beauftragte; Menschen in Entscheidungspositionen in Politik und Wirtschaft; Menschen in Sozialberufen, der Entwicklungszusammenarbeit, der Seelsorge, der Gesundheitsförderung, der Beratung sowie der Pädagogik, insbesondere den naturverbundenen pädagogischen Berufsfeldern.

Wenn einer seine Lage erkannt hat – wie soll der aufzuhalten sein?“ B. Brecht

 

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Diese Texte sind Beiträge von Andreas Schelakovsky und Elisabeth Loibl. Den gesamten Text finden Sie in „Wege zum Sein“ (pdf 2,3MB)